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Digitalisierung in Deutschland - jetzt aber mal ran!

Ein ganzes Land und seine Wirtschaft sollen digitalisiert werden. Alle reden über die große Digitalisierung in Deutschland, aber dabei haben wir noch nicht einmal die Grundvoraussetzungen geschaffen.

Wie soll ein Land wie Deutschland digitalisiert werden, wenn eine flächendeckende Highspeed-Internetverbindung fehlt? Ganze Landstriche befinden sich diesbezüglich sogar im Nichts und stehen ganz ohne Internet da und selbst in unserer Hauptstadt gibt es viele Straßenzüge, die von Highspeed nur träumen können.

Digitalisierung bedeutet heute nicht mehr, nur über einen Rechner zu verfügen, um dort einsam in einer Excel-Tabelle rum zu tippen. Digitalisierung bedeutet in der heutigen Zeit Kommunikation, Arbeiten in der Cloud und um das zu gewährleisten brauchen wir nicht nur hohe Download-, sondern auch hohe Upload-Kapazitäten.

Einer der Hauptfehler dabei: Wir überlassen die Arbeiten und das gesamtwirtschaftliche Denken einzelnen Unternehmen, die bei jeder Investition auch den Return on Investment im Auge behalten. Aus meiner Sicht ist das völlig verständlich, denn Unternehmen bzw. deren Manager müssen betriebswirtschaftlich denken, das ist nun mal ihre Aufgabe.

Genau an dieser Stelle frage ich mich, zu welchem Zweck verfügen wir über eine soziale Marktwirtschaft? Meiner Meinung nach müsste diese genau hier greifen. Die Politik hat in diesem Fall die Aufgabe mit den Unternehmen in einen Konflikt zu gehen und sie dazu zu zwingen, ein flächendeckendes Highspeed-Netz zu errichten. Bei allem Geschrei‘, das dabei auch aufkommt, letztendlich ist es den Telekommunikationsunternehmen egal, solange dabei keine Wettbewerbsverzerrung entsteht. Unter dem Strich müssen wir alle die Kosten dafür tragen, entweder durch höhere Tarife oder mit unseren Steuergeldern. Fakt ist aber auch, dass die momentane Situation untragbar ist und eine Digitalisierung Deutschlands be-, wenn nicht sogar verhindert wird. Ich frage mich, wo eigentlich die Volkswirte in der Politik sind, die die gesamtwirtschaftlichen Folgen solcher fehlenden Prozesse im Auge behalten? Und dabei geht es nicht nur um die Großindustrie, über KI möchte ich noch gar nicht reden.

Das fängt schon bei Weiterbildungsmaßnahmen an. Wer sich weiterbilden möchte, kann dies kostengünstig und effektiv über das Internet vornehmen… theoretisch jedenfalls. In der Realität sind weite Teile der Bevölkerung von dieser Möglichkeit ausgeschlossen, denn dafür bräuchten sie eine entsprechend schnelle Internetverbindung. Fernuniversitäten und andere Weiterbildungsträger müssen ihre Unterlagen teilweise noch mit der Post versenden, an einen Unterricht „face to face“ über das Internet ist oft gar nicht zu denken und wer einen Karriere-Booster braucht, fährt noch umständlich zu teuren Seminaren in billigen Hotels.

Ein weiterer Killer der deutschen Digitalisierung sind wir selbst, bzw. unsere Gesellschaft. Viele von uns haben die Bedeutung der Digitalisierung noch nicht erkannt. Es ist vollkommen gerechtfertigt, auf die negativen Auswirkungen des technischen Fortschritts hinzuweisen und wir müssen auch nicht jeden Blues mittanzen.

Tatsache ist es aber auch, dass sich die USA und China einen Vorsprung in der digitalen Welt erarbeitet haben, der von uns nur noch schwer einzuholen ist, was negative wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen wird. Davon werden wir alle betroffen sein. So baut Amazon beispielsweise seinen Marktanteil im deutschen Online-Handel auf über 50% aus und was haben wir Facebook, Google, Microsoft und Apple entgegen zu setzen? Wir produzieren munter mit Benzin angetriebene Autos und kümmern uns recht wenig um die Digitalisierung dieser Branche, die voraussichtlich gewaltig werden wird.

Wie gering der Wert der Digitalisierung gerade in Entscheiderpositionen unserer Gesellschaft geschätzt wird, zeigt sich an der Bildungspolitik unserer Bundesländer. Der Plan zur Digitalisierung der Schulen wurde von allen Bundesländern abgelehnt. Schüler haben somit auch in naher Zukunft kein Anrecht auf eine WLAN-Nutzung. Über digitale Lehr- und Lernmethoden brauchen wir erst gar nicht reden.

Trotzdem wird schon von der Industrie 4.0 gesprochen und es werden die schönsten Visionen gesponnen, aber Visionen brauchen ein stabiles Fundament, damit sie nicht im Meer der gescheiterten Ideen versinken. Aus meiner Sicht ist Deutschland von der vierten industriellen Revolution noch meilenweit entfernt.

Die Menschen müssen erkennen, dass Digitalisierung mehr ist, als Netflix & Co. zu streamen. Erst wenn wir alle die wirtschaftliche Bedeutung erkannt haben, wird auch die Politik aufwachen und handeln, anstatt uns mit leeren Versprechen und Visionen hin zuhalten.

Ein Artikel von Michael Mertinat

www.mertinat.de

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