Kreativtechniken erfolgreich anwenden


Dieses Abbild eines Gehirns symbolisiert den Begriff Kreativität

In diesem Artikel werden nicht einzelne Kreativtechniken beschrieben, sondern allgemeingültige Merkmale aufgezeigt, wie Du diese Techniken erfolgreich anwenden kannst.


Zeit und Motivation

Für die erfolgreiche Durchführung einer Kreativtechnik benötigen wir zwei wesentliche Faktoren. Zeit und Motivation. Zeit ist eines unserer kostbarsten Güter und wir müssen damit sehr gezielt umgehen.


Das betrifft nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Privatleben. So nehmen wir die verschiedensten Rollen ein. Angestellt oder selbstständig, Lebenspartner oder Lebenspartnerin, Mutter oder Vater, alle diese Rollen führen zu Konflikten, insbesondere bezogen auf unser Zeitmanagement. Leicht bleibt dabei die Motivation für die Anwendung einer Kreativtechnik auf der Strecke, die einen halben Tag oder länger dauern kann, denn unsere Außenwelt übt Zeitdruck auf uns aus und nicht nur unsere Vorgesetzten fragen mal nach, was wir so den ganzen Tag gemacht haben. Es stellt sich somit die berechtigte Frage, ob sich unsere Zeitinvestition überhaupt lohnt.


Als Befürworter von Kreativtechniken müsste ich jetzt eigentlich sagen, “ja auf jeden Fall”, aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Jede Investition birgt Risiken. In einem Unternehmen werden nie alle Investitionen einen Return on Investment erzielen. Einige Investitionen in Menschen, Maschinen oder Immobilien werden sich einfach nicht amortisieren. Das ist unser unternehmerisches Risiko. Ohne Investitionen werden wir allerdings nicht sonderlich erfolgreich sein. Die Formel für den Erfolg ist in diesem Fall recht einfach. Über einen längeren Zeitraum betrachtet müssen wir mehr erfolgreiche als verlustreiche Investitionen tätigen.


Das Gleiche gilt für unsere Denkarbeit. Denken kostet Zeit.

Ein Beispiel: Wir müssen einen relativ langen Graben in unserem Garten schaufeln. Ein Mensch in einer anderen Stadt steht vor dem gleichen Problem. Er greift sofort zur Schaufel und legt los. Wir hingegen fangen an zu überlegen, ob es nicht eine elegantere Lösung gibt. Wir könnten einen Minibagger mieten. Wieviel kostet der? Wo bekomme ich den her? Wie bekomme ich den zum Grundstück? Während wir noch nachdenken, hat die andere Person schon einen guten Teil der Arbeit geschafft. Das ist übrigens bei vielen Menschen ein beliebtes Argument gegen Denkarbeit. “Während andere noch nachdenken, bin ich schon mit der Arbeit fertig.” Nun lassen wir unsere Denkarbeit in unserem fiktiven Beispiel mal zur absoluten Fehlinvestition eskalieren. Beim Vermieter für Minibagger angekommen, teilt der uns nun mit, dass unser Vorhaben so nicht geht und wir lieber zur Schaufel greifen sollten. Viele Menschen lassen sich nun entmutigen, insbesondere wenn ihr Umfeld ihnen noch vorwirft, dass sie mit Schaufeln die Zeit hätten besser verbringen können. Wer wird nun aber langfristig erfolgreicher sein? Der, der ab und zu auch mal nachdenkt oder der, der den ganzen Tag nur die Arbeit wegschaufelt?

Schauen wir uns unsere nähere Umgebung mal näher an, dann sehen wir viele Menschen, die den ganzen Tag nur das operative Tagesgeschäft abschaufeln und einige, meist besser bezahlte, die erfolgreich strategische Aufgaben lösen. Bei der Denkarbeit handelt es sich um eine Lebenseinstellung, die Auswirkungen auf unsere Motivation hat. Bin ich dazu bereit, in die Zeit für das Denken zu investieren, auch wenn es dafür keine Erfolgsgarantie gibt? Wenn Du diese Frage mit ja beantworten kannst, dann bist du bereit, Kreativtechniken erfolgreich anzuwenden.

Das fängt bereits mit einer klassischen Gruppen-Technik wie dem Brainstorming an (der Artikel dazu: Kreativtechnik Brainstorming - mal richtig angewendet). Richtig angewendet kostet diese Technik viel Zeit. Ein kurzes Brainstorming, wie “lasst uns mal schnell ein paar Ideen sammeln” bringt meist keine erfolgreichen Ideen hervor. Dies gilt genauso für Kreativtechniken, die Du alleine durchführen kannst, wie beispielsweise Disneys Denkstühle (der Artikel dazu: Kreativtechnik Disneys Denkstühle - wie Du alleine Ideen entwickelst).


Wenn wir mit Kreativtechniken erfolgreiche Ideen entwickeln möchten, müssen wir zunächst mit den folgenden Vorurteilen aufräumen.


Die fünf häufigsten Irrtümer über die Kreativität


Irrtum Nr. 1: Kreativität entsteht aus dem Chaos heraus

Zum erfolgsorientierten kreativen Prozess gehört es, dass wir unsere Ideen in eine vorgegebene Ordnung einpassen müssen. Oder wir ändern die Ordnung. Aber gerade dann müssen wir besonders konzentriert und systematisch vorgehen.


Irrtum Nr. 2: Fachleute sind selten kreativ

Gerade Laien sehen die Dinge höchst voreingenommen und beurteilen sie nach ihrem Alltagsverstand. Sie sind meist nicht in der Lage, die Wirkung ihrer Vorschläge abzuschätzen. Auch ist der Alltagsverstand in der Regel weit weniger originell.

Natürlich gibt es unter Experten Betriebsblindheit, fachliche Voreingenommenheit und Risikoscheu. Auch trennen sich Fachleute nur schwer von ihren Überzeugungen. Doch eines ist gewiss: Erfolgreiche kreative Ideen kommen niemals von Leuten, die keine Ahnung haben.


Irrtum Nr. 3: Junge Menschen sind besonders kreativ, vor allem Kinder

Auf der einen Seite stimmt das zwar, aber wir reden hier nicht von Kreativität als reinen Selbstzweck, sondern von Ideen die erfolgreiche Lösungen für spezielle fachspezifische Probleme bieten sollen. Ältere Menschen entwickeln zwar weniger Lösungsvorschläge als jüngere, jedoch ist der Anteil brauchbarer Anregungen höher.


Irrtum Nr. 4: Kreative Menschen sind Außenseiter

Es spielt keine Rolle, ob Menschen Außenseiter sind. Hier spielt das Vorurteil des verschrobenen Erfinders eine Rolle, das aber in der Realität keinerlei Bedeutung hat. Es ist einfach egal, ob verschroben, extrovertiert oder introvertiert. Alle diese Menschentypen können kreativ sein.


Irrtum Nr. 5: Kreativ bin ich selber - dazu brauche ich keine Technik

Der erste Teilsatz bis zum Bindestrich ist sogar sehr richtig. Nur wir selbst sind kreativ. Techniken können nicht kreativ sein. Techniken können aber unsere eigene Kreativität auf ein deutlich höheres Level katapultieren. Sie sind ein Hilfsmittel, ein mitunter sehr wirksames, der eigenen Kreativität auf die Sprünge zu helfen. Die Ideen müsst ihr selbst haben!


Was ist aber der Kern einer jeden Kreativtechnik, der uns auf die Sprünge hilft? Es ist der kreative Sprung.


Mit Hilfe von Kreativtechniken versuchen wir uns von unseren gewohnten Denkstrukturen und Mustern abzukoppeln, um offen für das Neue zu sein.


Der kreative Sprung


Edward de Bono vergleicht unser Denken mit einem Fluss, der in seinem breiten Flussbett dahinfließt. Um das Flussbett zu verlassen, müssen wir einen »kreativen Sprung« machen. Wir müssen also versuchen, unser eingefahrenes Flussbett zu verlassen, um einen neuen Fluss mit neuen Perspektiven zu erreichen und genau hierbei helfen uns die Kreativtechniken.

Der kreative Sprung ist ähnlich wie das Springen in ein völlig neues Flussbett
Es wird kein Seitenarm eines Flusses, sondern ein völlig neues Flussbett gesucht

Es geht aber nicht darum, Kreativität zum Selbstzweck zu entwickeln, sondern die neuen Ideen orientieren sich am Erfolg von Problemlösungen. Deswegen ist der folgende Satz ein zentraler Punkt: “Wenn die kreativen Ideen von heute wirklich gut sind, dann gehören sie morgen zur Routine”. Die Erfindung der Glühbirne entwickelte sich schnell zur Routine, wurde von der LED abgelöst, die sich wiederum ebenfalls zur Routine entwickelt. Ist die Idee gut und die Zeit, bzw. die Menschen reif dafür, dann geht sie in unseren Alltag über und genau das muss unser Ziel sein.


Meistens handelt es sich dabei um einen Prozess und wir benötigen innerhalb des Kreativprozesses mehrere Alternativen, um erfolgreich zu sein. Edward de Bono unterscheidet dabei zwischen dem lateralen und dem vertikalen Denken.


Laterales und vertikales Denken


Vertikales Denken

Hier graben wir nur ein Loch, aber das immer tiefer. Wir gehen also den gleichen Weg, den wir schon immer gegangen sind.

Beim vertikalen Denken wird ein einziges Loch immer tiefer gegraben.

Laterales Denken

Beim lateralen Denken graben wir immer wieder neue Löcher. Zitat Edward de Bono: „Die beste kreative Lösung finden Sie, wenn Sie viele Löcher graben, die tief genug sind“.


Beim lateralen Denken graben wir viele Löcher an unterschiedlichen Stellen.

Das Ziel einer jeden Kreativtechnik ist es, uns zum lateralen Denken anzuspornen. Es werden immer so viele Ideen wie möglich gesammelt, egal wie absurd sie sind. Einige Kreativtechniken erlauben uns sogar nur völlig absurde und unmögliche Ideen. Diese Vorgehensweise erfüllt jedoch einen zielführenden Zweck. Wir setzen damit zum kreativen Sprung an. Auf diese Weise verlassen wir das eingefahrene Flussbett und springen auf einen völlig neuen Fluss auf. Nun kann zu Recht behauptet werden, dass völlig absurde Ideen in der Realität nicht umsetzbar, nicht erfolgsorientiert sind und keine Problemlösung darstellen. Wir stehen hier aber erst am Anfang unserer Kreativarbeit oder anders gesagt, jetzt beginnt die Arbeit erst richtig.


Jetzt wird alles auf den Kopf gestellt


Jede Idee wird jetzt genau unter die Lupe genommen. Kommen wir zum Schluss, dass die Idee unrealistisch ist, wird sie nicht verworfen, sondern wir überlegen uns, wie wir sie “umbauen” könnten, damit sie umsetzbar wird.

Das könnte beispielsweise wie folgt aussehen. Eine Fluggesellschaft überlegt, was sie für die Passagiere alles tun könnte, um den Aufenthalt an Bord angenehmer zu machen.


Eine von vielen irren Ideen: “Alle Passagiere sitzen vorne, damit sie den Flug so wie die Crew erleben können”.


Wie können wir diesen wenig realistischen Einfall umbauen, damit daraus eine in der Realität umsetzbare Idee entsteht? Wir könnten Flugzeuge bauen, bei denen die Passagiere in den Tragflächen sitzen. Alle mit Ausblick nach vorne oder wir bauen im Cockpit eine Kamera ein mit Sicht nach vorne. Die Passagiere können dann an den Displays der Rückenlehne, über die sie ansonsten Kinofilme sehen, auch einen Kanal mit der Sicht nach vorne auswählen.

Die völlig absurde erste Idee hat bei näherer Betrachtung eine Gedankenkette in Gang gesetzt und war damit ausschlaggebend für den kreativen Sprung.

Für das Umarbeiten bzw. Anpassen von Ideen wird gerne die Osborn-Checkliste zur Hilfe genommen. Hier werden alle Möglichkeiten von Veränderungsprozessen aufgezeigt.


Die Osborn-Checkliste


  • Anders verwenden! Gibt es eine andere Gebrauchsmöglichkeit dafür? Kann die Idee woanders eingesetzt werden?

  • Anpassen! Was ähnelt dieser Idee? Gibt es Parallelen? Was könnte nachgeahmt werden?

  • Ändern! Kann Bedeutung, Farbe, Bewegung, Größe, Form, Klang, Geruch etc. verändert werden?

  • Vergrößern! Größer machen? Etwas hinzufügen? Die Häufigkeit erhöhen? Die Stärke? Die Höhe? Die Länge? Den Wert? Den Abstand? Vervielfältigen? Übertreiben? Vergröbern?

  • Verkleinern! Kleiner machen? Etwas wegnehmen? Tiefer machen? Kürzer? Dünner? Leichter? Heller? Feiner? Aufspalten? Als Miniatur verwenden?

  • Ersetzen! Was kann an der Idee ausgetauscht werden? Lässt sich der Prozess anders gestalten? Gibt es andere Positionen? Tonlagen? Elemente aus anderen Ländern oder Zeiten?

  • Umstellen! Teile, Abschnitte austauschen? Lässt sich die Reihenfolge ändern? Ursache und Wirkung umdrehen?

  • Umkehren! Das Gegenteil aus der Idee machen? Wie sieht die Idee spiegelverkehrt aus? Lassen sich Rollen tauschen? Lässt sich die Idee um 180° drehen?

  • Kombinieren! Die Idee mit anderen verbinden? Lässt sie sich in ein größeres Ganzes einfügen? In Bausteine zerlegen?

  • Transformieren! Durchlöchern, zusammenballen, ausdehnen? Härten? Verflüssigen? Durchsichtig machen?


In der Regel verfügen wir nach diesem Prozess über mehrere Ideen. Erst jetzt gehen wir in die Bewertungsphase über. Wir schauen uns die bestehenden Ideen genau an und treffen eine Auswahl.


Grundsätzlich laufen alle Kreativtechniken nach dem gleichen Schema ab. Ideen und verrückte Einfälle sammeln, Ideen umbauen, Ideen bewerten. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal ist die erste Phase. In der ersten Phase wird der kreative Sprung eingeleitet und dafür gibt es die unterschiedlichsten Ansätze.

Weitere Unterscheidungsmerkmale sind, inwieweit sind die Techniken für Gruppen oder Einzelpersonen geeignet und, was in Zukunft immer wichtiger wird, inwieweit sind sie für Online-Teams geeignet.


Der Erfolg von Kreativtechniken hängt auch sehr von der Erfahrung der Teilnehmer ab. Kreativtechniken müssen wir üben. Es zeigt sich immer wieder, je öfter und routinierter wir sie anwenden, je erfolgreicher wird auch der Output.